Baden-Württemberg: Videokonferenzen erhalten Einzug in Gefängnisse (esslinger-zeitung.de)

Baden-Württemberg: Videokonferenzen erhalten Einzug in Gefängnisse (esslinger-zeitung.de)

Braucht ein Häftling einen Arzt, dann kann er nun durch Videozuschaltung fachmännische Hilfe bekommen. Dadurch verringert sich das Risiko, bei Arztbesuchen zu flüchten.

Stuttgart: Sieht so der Knast 4.0 aus? Per Videokonferenz verständigen sich der aus einem fernen Land stammende Häftling, der neben ihm sitzende Vollzugsbeamte, ein Arzt in seiner Praxis sowie ein Dolmetscher in Wien darüber, wie dem Insassen am besten geholfen werden kann. Die Telemedizin wurde jüngst als baden-württembergisches Modellprojekt gestartet. Nach einer sechsmonatigen Pilotphase in einigen ausgewählten Haftanstalten soll es im nächsten Jahr auf alle Gefängnisse ausgedehnt werden.
Das Projekt ergänzt das Video-Dolmetschen, das mit Hilfe eines österreichischen Dienstleisters seit Ende März in allen Gefängnissen des Landes läuft. „Weil wir damit sehr gute Erfahrungen gemacht haben, wollen wir die Videotechnik nun bei der medizinischen Versorgung der Gefangenen erproben“, sagte Justizminister Guido Wolf (CDU) unserer Zeitung. Baden-Württemberg betrete mit dem Modellprojekt bundesweit Neuland. Er sehe darin großes Potenzial nachts, feiertags und an Wochenenden.

Video hilft bei Versorgungslücken
Bisher ist in den Anstalten die medizinisch-pflegerische Betreuung praktisch nur von neun bis 17 Uhr möglich. Schichtdienste sind da nicht vorgesehen. Hat ein Häftling außerhalb der Kernzeit Beschwerden, soll künftig per Video ein Vertragsarzt zugeschaltet werden. „So kann ich Versorgungslücken abdecken oder gar Sprechstunden einrichten“, sagt Alexander Schmid, der Landeschef im Bund der Strafvollzugsbediensteten (BSBD). Er kennt den Vollzug seit 1991 und hat häufig erlebt, dass genau dann, wenn kein Arzt oder Pfleger mehr in der Anstalt war, ein Häftling Bedarf anmeldet. „Dann ist man in der Bredouille, Entscheidungen im medizinischen Bereich treffen zu müssen, in dem man sich nicht wohlfühlt.“ Da tauchen Fragen auf, wie: Muss der Notarzt kommen, der jedoch mit dieser Klientel wenig Erfahrung hat? Spielt der Häftling dem Beamten etwas vor? Will er nur an Tabletten gelangen, um über den Drogenentzug hinwegzukommen? Dank der Telemedizin entscheidet darüber künftig ein Fachmann. Weiterlesen